{"id":978,"date":"2022-05-23T23:30:53","date_gmt":"2022-05-23T22:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/?post_type=themenkapitel&#038;p=978"},"modified":"2022-05-27T17:26:24","modified_gmt":"2022-05-27T16:26:24","slug":"kreislaufwirtschaft","status":"publish","type":"themenkapitel","link":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/en\/themenkapitel\/kreislaufwirtschaft\/","title":{"rendered":"Kreislaufwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Der Green Deal ist das wohl anspruchsvollste und ambitionierteste Programm der derzeitigen EU-Kommission mit Ursula von der Leyen an der Spitze. Im Mittelpunkt der Diskussion steht verst\u00e4ndlicherweise der Kampf gegen den Klimawandel. Viele Initiativen wie Fridays for Future haben dazu beigetragen, viele Millionen Menschen sind aktiv an diesem Prozess beteiligt. Der Green Deal ist aber mehr. Er ist ein fundamentales Reformkonzept, um unser Wirtschaftssystem in Richtung Nachhaltigkeit umzubauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Green Deal basiert auf 3 S\u00e4ulen:<\/p>\n<ol>\n<li>null Netto-Emissionen von Treibhausgasen bis 2050<\/li>\n<li>Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln<\/li>\n<li>soziale Vertr\u00e4glichkeit f\u00fcr B\u00fcrgerInnen und Regionen sichern<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder \u00fcbersetzt: \u00f6kologisch vertr\u00e4glich, wirtschaftlich erfolgreich und sozial ausgewogen \u2013 das \u00f6kosoziale Grundprinzip.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser Beitrag besch\u00e4ftigt sich im Besonderen mit der zweiten S\u00e4ule des Green Deal, der Entkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch \u2013 also der Kreislaufwirtschaft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Kreislaufwirtschaft ist ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie m\u00f6glich \u201erecycelt\u201c werden und damit der Lebenszyklus verl\u00e4ngert wird. Das bedeutet, dass Abf\u00e4lle auf ein Minimum reduziert werden. Nachdem ein Produkt das Ende seiner Lebensdauer erreicht hat, verbleiben die Ressourcen und Materialien so weit wie m\u00f6glich in der Wirtschaft. Sie werden also immer wieder produktiv weiterverwendet, um weiterhin Wertsch\u00f6pfung zu generieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Innovationen \u2013 wie neuartige Recyclingtechnologien oder alternative Rohstoffe \u2013 sind daher essenziell, um die Kreislaufwirtschaft weitm\u00f6glichst umzusetzen und unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Denn die Rohstoffgewinnung und die Verarbeitung von Materialien, Brennstoffen und Lebensmittel sind verantwortlich f\u00fcr etwa 50 % der weltweiten Treibhausgasemissionen und zu etwa 90 % verantwortlich f\u00fcr den Verlust der biologischen Vielfalt und der Wasserknappheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Ressourcenverbrauch hat sich in den letzten 50 Jahren verdreifacht und nimmt weiter zu. Europa hat einen \u00fcberproportionalen Anteil am Ressourcenverbrauch und damit auch eine h\u00f6here Abh\u00e4ngigkeit als andere Regionen. Gleichzeitig werden in Europa nur ca. 12 % der wertvollen Rohstoffe wiederverwendet, der Rest landet auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Klimakrise hat uns die dringliche Notwendigkeit der raschen Implementierung der Kreislaufwirtschaft drastisch vor Augen gef\u00fchrt. Sie ist eine Grundvoraussetzung zur Erreichung der Klimaziele im vorgesehen Zeitrahmen bzw. der Zwischenschritte bis 2050.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die COVID-19-Pandemie hat aber einen wesentlichen anderen Aspekt der Kreislaufwirtschaft deutlich gemacht: die fatale Abh\u00e4ngigkeit der EU von Lieferketten bzw. von Rohstoffimporten. Das Konzept der \u201eStrategischen Autonomie\u201d und der zielgerichtete Mitteleinsatz des Wiederaufbauplans waren die richtigen Antworten der EU. Es w\u00e4re klug, anstatt der \u201eStrategischen Autonomie\u201d eine \u201eStrategische Verantwortlichkeit\u201d zu entwickeln \u2013 auch als aktiven und konstruktiven Beitrag zur St\u00e4rkung der Rolle der EU in der Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dramatisch hat uns der Krieg Russlands gegen die Ukraine nun vor Augen gef\u00fchrt wie verletzlich unsere Wirtschaft und Gesellschaft durch die massive Importabh\u00e4ngigkeit von fossilen Energietr\u00e4gern, Rohstoffen sowie Nahrungs- und Futtermitteln ist. Die zeitliche Dringlichkeit des Umstiegs auf erneuerbare Energien sowie die vordringliche Umsetzung des Ma\u00dfnahmenpakets Kreislaufwirtschaft werden gerade jetzt sp\u00fcrbar. Sp\u00fcrbar nicht nur aus Sicht des Klimaschutzes, sondern vor allem auch aus Sicht einer stabilen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Die Rohstoff- und Energiekosten werden strukturell deutlich h\u00f6her sein und bleiben und damit die Produktionskosten und Preise f\u00fcr die KonsumentInnen erh\u00f6hen \u2013 besonders f\u00fcr sozial Schw\u00e4chere und \u00e4rmere Weltregionen. Die Kreislaufwirtschaft hat daher \u00f6kologische, \u00f6konomische und soziale Dringlichkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die EU-Kommission hat dem Europ\u00e4ischen Parlament einen Aktionsplan vorgelegt, welcher \u2013 mit einigen \u00c4nderungen \u2013 mit gro\u00dfer Mehrheit angenommen wurde. Er enth\u00e4lt Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine nachhaltigere Produktgestaltung und zielt darauf ab, das Abfallaufkommen zu verringern und den Verbraucherschutz zu st\u00e4rken, beispielsweise durch ein \u201eRecht auf Reparatur\u201c. Der Schwerpunkt wird auf ressourcenintensive Bereiche gelegt, wie Elektronik und IKT, Kunststoffe, Textilien und Bauwesen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die drei wesentlichen S\u00e4ulen<\/p>\n<ol>\n<li>Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Energie- bzw. Ressourcen-verbrauch<\/li>\n<li>Langfristige St\u00e4rkung einer wettbewerbsf\u00e4higen europ\u00e4ischen Wirtschaft<\/li>\n<li>St\u00e4rkung des Wissens und der Rechte der KonsumentInnen<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">sollten aber um den Punkt<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>St\u00e4rkung der Innovationskraft und Nutzung der Digitalisierung<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">erweitert werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der \u00dcbergang zu einer Kreislaufwirtschaft entlastet nicht nur die Umwelt, sondern erh\u00f6ht die Rohstoffversorgungssicherheit, steigert Europas Wettbewerbsf\u00e4higkeit und w\u00fcrde auch einen echten \u201eBoost\u201c f\u00fcr die Innovationskraft bedeuten.<br \/>\nDer Aktionsplan will zudem bis 2030 700.000 neue zukunftssichere Arbeitspl\u00e4tze schaffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei der Umsetzung sind aber einige weitere unverzichtbare Punkte zu beachten:<\/p>\n<ul>\n<li>Jede F\u00f6rderung \u2013 ob der EU oder national \u2013 muss nicht nur den Zielen des Klimaschutzes Rechnung tragen, sondern auch den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft \u2013 genauso wie jede \u00f6ffentliche Auftragsvergabe.<\/li>\n<li>\u00c4hnlich wie eine CO2-Bepreisung k\u00f6nnte auch die Bepreisung von knappen Rohstoffen richtige Marktsignale geben. Eine Grenzbesteuerung f\u00fcr knappe Ressourcen k\u00f6nnte den Transformationsprozess wesentlich beschleunigen.<\/li>\n<li>Richtlinien f\u00fcr Produktdesign m\u00fcssen konkrete Vorgaben hinsichtlichEnergie- und Rohstoffeffizienz, Wiederverwertbarkeit, Lebensdauer und Reparaturf\u00e4higkeit enthalten.<\/li>\n<li>Bei Innovationen, wie etwa der E-Mobilit\u00e4t, ist nicht nur eine Energiebilanz, sondern auch eine Rohstoffbilanz zu erarbeiten. Diese muss neben den oben angef\u00fchrten Kriterien vor allem auch die Herkunft bzw. die Verf\u00fcgbarkeit von Rohstoffen innerhalb der EU enthalten.<\/li>\n<li>Besonderes Augenmerk muss auf den Nahrungs- und Futtermittelsektor gelegt werden. Die Produktionskapazit\u00e4t einer nachhaltigen und effizienten Landbewirtschaftung ist in Europa NICHT ausgesch\u00f6pft. Chancen ergeben sich vor allem f\u00fcr bisher wirtschaftlich schw\u00e4chere Regionen der EU. Der vorgelagerte Sektor \u2013 die Lagerhaltung und die Logistik \u2013 muss miteinbezogen werden, um das Konzept \u201eVom Hof auf den Teller\u201c m\u00f6glichst effizient und daher m\u00f6glichst verlustfrei umzusetzen.<\/li>\n<li>F\u00fcr KonsumentInnen m\u00fcssen die Informationen verst\u00e4ndlich zu Verf\u00fcgung stehen, \u00e4hnlich wie ein Energieausweis f\u00fcr ein Geb\u00e4ude sollte ein \u201eKreislaufausweis\u201c f\u00fcr Produkte entwickelt werden.<\/li>\n<li>Internationaler Abfallhandel ist so weit wie m\u00f6glich zu begrenzen und jedenfalls vollst\u00e4ndig meldepflichtig zu gestalten.<\/li>\n<li>F\u00fcr besonders innovative und daher risikoreiche Investitionen, etwa bei Rohstoffrecycling aus bestehenden Deponien oder f\u00fcr technologisch besonders aufwendige Verfahren sollten \u00f6ffentliche Garantien private Investitionen erleichtern.<\/li>\n<li>Ein besonderer Forschungsschwerpunkt sollte den Themen Wertsch\u00f6pfungskette und Kreislaufwirtschaft als horizontale Wissenschaftsanwendung \u00e4hnlich der Ethik der Digitalisierung gewidmet werden.<\/li>\n<li>In allen Bildungsebenen sollte ein Lehrprinzip \u201eFolgen meines Konsumverhaltens\u201d entwickelt werden und im Bildungs- und Ausbildungswesen angewandt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dies sind nur einige Anregungen zur rascheren Umsetzung des Prinzips der Kreislaufwirtschaft, viele weitere m\u00fcssen noch folgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manches w\u00e4re rasch und einfach zu l\u00f6sen: Warum zum Beispiel werden in \u00f6sterreichischen Regalen Bio-\u00c4pfel trotz Plastikverbotes einzeln mit einem Kunststoffetikett beklebt? Warum f\u00fchren \u201eReparaturzentralen\u201d nach wie vor ein Nischendasein und werden dem Sozialbereich zugeordnet? Warum werben viele Superm\u00e4rkte nach wie vor mit unterpreisigen Lockangeboten f\u00fcr Produkte, die den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft nicht gerecht werden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Das Prinzip Kreislaufwirtschaft fordert n\u00e4mlich nicht nur die Politik auf europ\u00e4ischer und nationaler Ebene, nicht nur die Wirtschaft und Wissenschaft, sondern vor allem auch die einzelnen B\u00fcrgerInnen. Von langlebigeren und innovativeren Produkten w\u00fcrden wir alle zeitgleich enorm profitieren.<\/span><\/p>\n","protected":false},"featured_media":1028,"template":"","class_list":["post-978","themenkapitel","type-themenkapitel","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/themenkapitel\/978","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/themenkapitel"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/themenkapitel"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1028"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}