{"id":996,"date":"2022-05-23T15:00:36","date_gmt":"2022-05-23T14:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/?post_type=themenkapitel&#038;p=996"},"modified":"2022-05-27T17:31:53","modified_gmt":"2022-05-27T16:31:53","slug":"europas-rolle-in-der-humanitaeren-fluechtlingspolitik","status":"publish","type":"themenkapitel","link":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/fr\/themenkapitel\/europas-rolle-in-der-humanitaeren-fluechtlingspolitik\/","title":{"rendered":"Europas Rolle in der humanit\u00e4ren Fl\u00fcchtlingspolitik"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Anhaltende Unruhen und Konflikte, die globale Klimakrise, rasant steigende Lebensmittel- und Energiepreise und die wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie machen unsere Welt zunehmend komplex und instabil \u2013 der Krieg in der Ukraine f\u00fchrt uns dies aktuell dramatisch vor Augen. Allein die weltweiten Weizenpreise stiegen mit Beginn des Kriegs in der Ukraine um 20 % an, w\u00e4hrend die Roh\u00f6lpreise in den vergangenen zw\u00f6lf Monaten um \u00fcber 70 % gestiegen sind, mit dramatischen Konsequenzen f\u00fcr die weltweiten Verbraucherpreise. Auch ist die Region um das Schwarze Meer eines der weltweit wichtigsten Gebiete f\u00fcr die Getreide- und Agrarproduktion. Auf die Ukraine und Russland entfallen beispielweise 30 % der weltweiten Weizenexporte, sodass jede Unterbrechung der Produktion und Lieferkette die Preise weiter in die H\u00f6he treiben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Kollateralsch\u00e4den gehen weit \u00fcber die Ukraine und Osteuropa hinaus. Am meisten betroffen sind L\u00e4nder, die stark von Nahrungsmittelimporten abh\u00e4ngig sind, zum Beispiel gro\u00dfe Teile des Nahen Ostens; L\u00e4nder, die nicht nur auf importierte Lebensmittel angewiesen sind, sondern ohnehin unter politischer und wirtschaftlicher Fragilit\u00e4t leiden, wie Haiti und der Libanon; und diejenigen L\u00e4nder, deren Importbedarf aufgrund von D\u00fcrren gestiegen ist, wie Afghanistan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Steigende Preise, Konflikte, extreme Wetterereignisse und wirtschaftliche Probleme begeben sich in einen Teufelskreis und stellen eine existenzielle Bedrohung f\u00fcr etliche Menschen dar. Humanit\u00e4re Bed\u00fcrfnisse steigen und Menschen bleibt oft keine andere Wahl als aus ihrer Heimat zu fliehen \u2013 auch nach Europa. Nach Sch\u00e4tzungen des Weltern\u00e4hrungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) ben\u00f6tigen derzeit 283 Millionen Menschen weltweit dringende Ern\u00e4hrungshilfe. Die Zahl der Vertriebenen \u2013 zu denen Binnenvertriebene, Fl\u00fcchtlinge, Asylsuchende und ins Ausland vertriebene Venezolaner geh\u00f6ren \u2013 hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Ende 2020 waren weltweit 89 Millionen Menschen auf der Flucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn sich der Trend der steigenden Lebensmittelpreise fortsetzt, werden Akteure wie WFP in zweierlei Hinsicht betroffen sein: Es wird mehr kosten, Lebensmittel f\u00fcr Hungernde zu kaufen, und die Zahl der Menschen, die Hilfe ben\u00f6tigen, wird rasant zunehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Europa hat deshalb das Interesse und die M\u00f6glichkeiten, jetzt auf humanit\u00e4rer Ebene aktiv zu werden, anstatt sich reaktiv zu verhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Finanzielle und politische Kosten der Unt\u00e4tigkeit <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Humanit\u00e4re Hilfe f\u00fcr Menschen auf der Flucht ist mit Kosten verbunden. Diese Hilfe nicht zu leisten, ist jedoch mit entschieden h\u00f6heren Kosten verbunden \u2013 besonders f\u00fcr Europa.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr Menschen auf der Flucht sind die Nachbarl\u00e4nder oftmals die erste Anlaufstelle. 2020 lebten weltweit knapp drei von vier Vertriebenen in L\u00e4ndern, die an ihre Heimatl\u00e4nder grenzen. Mehr als die H\u00e4lfte von ihnen kam aus nur vier L\u00e4ndern \u2013 Syrien, Venezuela, Afghanistan und S\u00fcdsudan \u2013 und die Nachbarl\u00e4nder T\u00fcrkei, Kolumbien, Pakistan und Uganda waren die vier L\u00e4nder, die die meisten Vertriebenen aufnehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ohne ausreichende Unterst\u00fctzung k\u00f6nnen Fl\u00fcchtlinge keine Lebensgrundlage aufbauen. Ein Mangel an Hilfe vor Ort bewirkt oftmals, dass die Betroffenen erneut aufbrechen und in weiter entfernten L\u00e4ndern Sicherheit suchen, wie dem globalen Norden. Die Kosten humanit\u00e4rer Unt\u00e4tigkeit sind grenz\u00fcberschreitend. Sobald Fl\u00fcchtlinge an den Grenzen Europas und anderswo ankommen, beginnen diese Geberl\u00e4nder buchst\u00e4blich, f\u00fcr ihre eigene Unt\u00e4tigkeit zu bezahlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4hrend sp\u00e4tes Handeln einen immens hohen finanziellen Preis hat \u2013 f\u00fcr jeden US-Dollar, der f\u00fcr eine gewaltsam vertriebene Person in Entwicklungsl\u00e4ndern ausgegeben wird, gehen 70 US-Dollar an einen Asylbewerber in einem Geberland \u2013 gehen die Auswirkungen weit \u00fcber das hinaus, was monet\u00e4r gemessen werden kann. In den vergangenen Jahren haben Geberl\u00e4nder mehr Hilfsgelder f\u00fcr Asylsuchende innerhalb ihres eigenen Landes aufgebracht als f\u00fcr humanit\u00e4re Hilfe insgesamt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der politische Preis f\u00fcr Tatenlosigkeit ist hoch. Seit der Fl\u00fcchtlingswelle in Europa von 2015 hat sich der politische Diskurs stark gewendet und Parteien mit stark polarisierender Rhetorik gewinnen an Zuspruch. Das Thema Migration hatte beispielsweise Auswirkungen auf die knappe Entscheidung des Vereinigten K\u00f6nigreichs von Gro\u00dfbritannien, die Europ\u00e4ische Union zu verlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Gesellschaftliche Auswirkungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Humanit\u00e4re Unt\u00e4tigkeit in Entwicklungsl\u00e4ndern kann auch unabh\u00e4ngig von Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men dramatische Auswirkungen auf Geberl\u00e4nder haben. In Afghanistan beispielsweise hat seit der \u00dcbernahme der Taliban letzten Jahres die Produktion von Mohn deutlich zugenommen. Opium ben\u00f6tigt eine geringere Bew\u00e4sserung und aufgrund eines bestehenden Schmuggler-Netzwerks bietet es mehr finanzielle Sicherheit f\u00fcr viele Menschen, deren Lebensgrundlage gef\u00e4hrdet ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da Afghanistan den L\u00f6wenanteil der globalen Opium-Produktion ausmacht und auch den europ\u00e4ischen Markt bedient, k\u00f6nnte der Drogenanstieg in Afghanistan auch europ\u00e4ische Gesellschaften beeinflussen. Somit riskiert Europa durch humanit\u00e4re Tatenlosigkeit dramatische Konsequenzen f\u00fcr den eigenen Kontinent, \u00fcber Jahrzehnte und Generationen hinweg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Die indirekten Vorteile der humanit\u00e4ren Hilfe <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die positiven Effekte der humanit\u00e4ren Hilfe gehen weit \u00fcber die direkte Hilfe f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge hinaus. Die Erfahrungen von humanit\u00e4ren Hilfsorganisationen wie des WFP verdeutlichen, dass eine verbesserte Lebensgrundlage f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Nachbarl\u00e4ndern &#8211; wie etwa dem Libanon &#8211; verhindern kann, dass Menschen sich auf die beschwerliche Weiterreise begeben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Besonders hilfreich sind die Bargeldtransfers des WFP, mit denen Fl\u00fcchtlinge ihre Grundbed\u00fcrfnisse decken k\u00f6nnen. Die Bargeldtransfers stellen auch eine Finanzspritze f\u00fcr die lokale Wirtschaft dar und somit eine humanit\u00e4re und zugleich wirtschaftsf\u00f6rdernde Ma\u00dfnahme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Eine verpasste Gelegenheit f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Frieden<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Abgesehen von finanziellen und gesellschaftlichen Kosten, bedeutet humanit\u00e4re Tatenlosigkeit auch eine verpasste Gelegenheit, um die Grundlage f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Frieden zu legen. Zunehmend mehr Studien weisen darauf hin, dass Fl\u00fcchtlinge \u2013 wenn sie durch Geberl\u00e4nder unterst\u00fctzt werden &#8211; positiv zur Friedensbildung beitragen. Mit den richtigen Qualifikationen \u2013 Sprachunterricht, praktischer Ausbildung und beruflicher Weiterbildung \u2013 ist die Wahrscheinlichkeit h\u00f6her, dass Fl\u00fcchtlinge in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckkehren und sich dort leichter wieder integrieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ohne ad\u00e4quate Unterst\u00fctzung jedoch k\u00f6nnen langwierige Fl\u00fcchtlingssituationen Instabilit\u00e4t verursachen. Vertriebene Bev\u00f6lkerungsgruppen bergen ein hohes Risiko zunehmender sozialer Spannungen, wie Konflikte um Land und begrenzte Ressourcen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Mangel an angemessener finanzieller Hilfe f\u00fcr Vertriebene in der N\u00e4he ihrer Heimat bedeutet nicht nur den Verlust einer Friedensdividende, sondern m\u00f6glicherweise auch den einer finanziellen Rendite. Syrische Fl\u00fcchtlinge haben im Nachbarland T\u00fcrkei sch\u00e4tzungsweise 10.000 neue Unternehmen gegr\u00fcndet und 100.000 neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Zunahme an Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men in Zukunft scheint wahrscheinlich \u2013 der Krieg in der Ukraine zeigt dies nur zu deutlich. Die Zahl der Menschen, die in fragilen und von Konflikten betroffenen Situationen leben \u2013 eine der Hauptursachen f\u00fcr Vertreibung \u2013 ist von 2010 bis 2019 um 150 Millionen gestiegen und \u00fcbertrifft damit kontinuierlich das globale Bev\u00f6lkerungswachstum. Der Klimawandel wiederum k\u00f6nnte bis 2050 216 Millionen Menschen dazu zwingen, innerhalb ihres eigenen Landes zu fliehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Analyse neuester Fl\u00fcchtlingsdaten best\u00e4tigt, dass Menschen auf der Flucht l\u00e4ngere Entfernungen als in der Vergangenheit zur\u00fccklegen und dass die durch einen Konflikt vertriebenen Menschen inzwischen \u00fcber wesentlich mehr Aufnahmel\u00e4nder verstreut sind als fr\u00fcher. OECD-L\u00e4nder beherbergen einen wachsenden Anteil und nehmen heute weltweit 15 % der Fl\u00fcchtlinge auf, verglichen mit 5 % vor 30 Jahren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einer vernetzten Welt, in der sich Menschen, Informationen und G\u00fcter problemlos um den Globus bewegen, werden die Kosten humanit\u00e4rer Unt\u00e4tigkeit umverteilt. Eine unzureichende Unterst\u00fctzung von Menschen im globalen S\u00fcden f\u00fchrt immer h\u00e4ufiger dazu, dass die Zahl der Asylsuchenden ansteigt \u2013 mit massiven Auswirkungen f\u00fcr Europa. Dies geschieht nicht nur, wenn Menschen in extremer Armut fliehen, um zu \u00fcberleben, sondern auch wenn Stabilit\u00e4t bedroht ist. Eine passive humanit\u00e4re Politik bietet deshalb auch den N\u00e4hrb\u00f6den f\u00fcr zuk\u00fcnftige Abwanderungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da die Fl\u00fcchtlingsursachen etwa durch den Klimawandel und die wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zunehmen, scheint die heutige reaktive humanit\u00e4re Politik keine Option mehr zu sein. Ohne politische Schlagkraft und Druck zur Beendigung von Konflikten sowie eine fr\u00fchere und angemessenere Unterst\u00fctzung von Vertriebenen in den Entwicklungsl\u00e4ndern wird die europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingskrise kaum ein Einzelfall bleiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die gute Nachricht ist, dass die Entscheidung dazu, wie, wann und wo Hilfsgelder eingesetzt werden, weitgehend in der Hand der Geberl\u00e4nder liegt. Hilfsgelder k\u00f6nnen besser geografisch verteilt und fr\u00fcher gezahlt werden \u2013 all dies liegt im ureigenen Interesse Europas.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Konkret wird empfohlen:<\/p>\n<ul>\n<li>Dass die EU die humanit\u00e4re Hilfe und Unterst\u00fctzung von Gefl\u00fcchteten vor Ort &#8211; in dem geografischen Kontext und den Regionen, in denen sie gefl\u00fcchtet sind \u2013 verst\u00e4rkt;<\/li>\n<li>Dass die EU eine proaktive Entwicklungspolitik mit Nachdruck fortsetzt, um u.a. klimabedingte Fluchtursachen zu beheben;<\/li>\n<li>Dass die lokale Wirtschaft in Entwicklungsl\u00e4ndern durch geeignete Mittel gef\u00f6rdert wird, inklusive mittels Bargeldtransfers durch humanit\u00e4re Akteure f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"featured_media":1032,"template":"","class_list":["post-996","themenkapitel","type-themenkapitel","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/themenkapitel\/996","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/themenkapitel"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/themenkapitel"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1032"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.buergerforum-europa.at\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=996"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}